Einundzwanzig

NACHMITTAGS die Rheinische vom einen zum anderen Ende und zurück. Die Straße spielt eine Rolle in Stellenweise Glatteis von Max von der Grün. Eine Sekretärin wohnt dort und die Hauptperson passt sie ab, in einem Auto auf der gegenüberliegenden Seite des Hauses parkend. Das Buch spielt vor 50 Jahren, die Straße wird eine andere gewesen sein: jetzt eine vierspurige mit Straßenbahnschienen auf den beiden mittleren Fahrbahnen. Der Klang der Straße war vorhersehbar: das Brummen der Fahrzeuge und das gelegentliche Rattern der Tram. Dazwischen mogelten sich einige unerwartete Töne: das Rollen von den Inlinern eines kleinen Mädchens und das Rattern eines Mofas mit Anhänger. Am Ende der Straße, im Dortmunder Stadtteil Dorstfeld, verläuft das letzte Stück entlang eines kleinen Parks: dort der Gesang von Vögeln, eine junge Frau mit Telefon auf einer Sitzbank und ein kleines Kind mit einer Erwachsenen an Spielgeräten. Unerwartet war ebenso der um 14 Uhr nicht sonderlich starke Verkehr. Auf dem Rückweg ab 15 Uhr etwas mehr Fahrzeugaufkommen. Nicht hören konnte ich: den Zigarettenrauch einer Kosmetikerin vor ihrem Nagelstudio; eine einäugige Katze im Park; die Bildhauerin Kathrina Bock bei der Arbeit im Hinterhof; eine mit Pink Floyd handbeschriftete CD Jewel Box auf einem öffentlichen Mülleimer an einer Bushaltestelle; per Banner angekündigte Baumaßnahmen der Polnischen Katholischen Mission; jedwede Geräusche des vom vierzeiligen Hausschild Jugend= / freizeitheim / Teiloffene / Tür ausgewiesenen Etablissements; was immer in dem mit der Aufschrift Es lobt den Mann die Arbeit und die Tat im Architrav versehenen Rotklinkerprachtbau von 1922 heute vorgeht; auch aus dem Hotel Rheinischer Hof konnte ich nichts vernehmen. Ich ging dann noch die Lange Straße entlang, weil die Hauptfigur in Stellenweise Glatteis sagt, sie wohne an der langen Straße – die gehe aber von der B54 ab, und müsste eher im Stadtteil Eving liegen. Zurück in meinem Quartier lese ich die Schlagzeile Aleppo wird ausgelöscht – und die Welt schaut zu und erinnere mich an den Namen Teppichwäscherei Aleppo & Ludwig über einem Ladengeschäft in Dorstfeld.

Leave A Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.