zwanzig

NACHTS entlang der Yorck, der Gneisenau, der Blücher, der Uhlandstraße. Es ist Herbstruhe, das Geräusch der Blätter auf der Straße, sehr vereinzelt laufen Männer auf der Straße. Einer im Park greift nach seinem Telefon und beginnt, leise zu reden. Die Blätter scharren unter meinem eiligen Schritt. Die Laternen leuchten ihr gelbes Licht. Zwei andere Männer mit einer Frau. Er Nummer Eins: Ja ich habe auch einen Exfreund. Komm, fahren wir zu Dir. Den zweiten Er höre ich nicht und sie ebensowenig. Über den Straßen leuchtet hell das riesige U, die Stadtkrone, auf dem alten Brauereigebäude. Dann verschwindet es wieder hinter den mehrstöckigen Wohnhäusern der Nordstadt im südlichen Hafenviertel. Yorck, Gneisenau, Blücher, Uhland – preußische Feldherren und Schriftsteller zieren die Straßennamen. Wenige Geschäfte, alle jetzt dunkel, auch die Kioske oder Trinkhallen. Noch ein Mann holt ein Telefon hervor und hebt es ans Ohr. Vereinzelte Fahrzeuge, SUV. Leibnitzstraßenplatz, drei Trinker etwas lauter, oder sind es doch keine Trinker, zwei von ihnen wollen gehen, sagen die zwei zu dem Dritten, der noch sitzt. Das gelbe Licht in den dunklen Straßen, die Blätter, die preußischen Feldherrenstraßen und wieder leuchtet das U in den Himmel. Es ist ruhig hier. Ich denke an eine der ersten Nächte, als Jugendliche durch die Helmholzstraße an mir vorbei rannten. Vorher hörte ich jemanden Scheißnazi rufen. Oder den Plural. Hatten die jungen Leute geschimpft oder wurde hinter ihnen her geschrieen? Feldherrenstraßen. Wieviele Menschen sterben jetzt, in dieser Minute? Wo ist das Getöse des Sterbens, das Gegenteil des leisen Stadtteils um mich herum? Ein Zug kreischt auf dem nahen Bahndamm.

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