Zwischenraum

Das Stipendium der Ruhr Residence 2017 führte mich an die nördlichste Spitze der Vesterålen in Nord-Norwegen.
Vom fünften bis zum fünfzehnten Oktober war ich in Nord-Schweden und Nord-Norwegen unterwegs, um in Vorbereitung eines zukünftigen Projektes in der Arktis Eindrücke und Kenntnisse über die verschiedenen Techniken der Atmosphärenforschung zu gewinnen.
Sieben Tage war ich auf den Inselgruppen der Lofoten und Vesterålen unterwegs, um einen Überblick über die geologischen, geografischen und industrie-kulturellen Besonderheiten dieses Ortes am nördlichen Ende des Golfstromes zu gewinnen, und hatte dabei Gelegenheit, beeindruckende und existentielle Erfahrungen in diesem schmalen und begrenzten Lebensraum zwischen Ozean und Himmel zu machen. Am Ende der Reise stand ein Treffen mit Dr. Michael Gause, dem wissenschaftlichen Direktor des Alomar Observatoriums für Atmosphärenforschung in Andenes am nördlichsten Ende der Inseln.

Ein großer Teil meiner Arbeit besteht darin, naturwissenschaftliche Phänomene – hauptsächlich aus der Physik und Geologie – mit den Mitteln der Kunst nachzuvollziehen und in Bezug auf ihr ästhetisches Potential zu betrachten, um Vorgänge oder Sachverhalte ausserhalb der Grenzen unserer Wahrnehmung nachvollziehbar werden zu lassen. Der Schwerpunkt lag in den letzten Jahren dabei in der Erfahrbarkeit und Darstellung von natürlich erwachsenen Oberflächen, die sich durch ihre Größe, ungeordnete Struktur, Ausdehnung oder ihren Ort unserer direkten Erfahrung entziehen. Um Informationen über solche Objekte – seien es Gebirge, Strukturen der Erdkruste oder Asteroiden und Exoplaneten, zu gewinnen, bedient sich der Mensch externer Sensoren, um zu messen, zu rastern, abzutasten – so sammeln sich Daten, wird unser Habitat in Punktwolken, Zahlen und Polygone aufgeteilt. Die innere Erfahrung, das Gefühl – die Qualia – können dabei noch so lange kein Kriterium und Forschungsobjekt sein, solange unsere externen Sensoren nicht in der Lage sind, sich ihrer selbst bewusst zu sein – oder sich mit unserem organischen Bewusstsein zu verbinden. Ich war neugierig, wie Wissenschaftler an diesem abgeschiedenen Ort leben und damit umgehen, als Grundlagenforscher das Material für spätere Generationen zu sammeln, ohne in direktem Kontakt mit ihrem Forschungsgegenstand sein zu können.

Um die Grundlagen meiner Schnitte und Skulpturen, die sich um Landschaftserfahrung drehen, zu schaffen, verbringe ich sehr viel Zeit vor dem Bildschirm meines Rechners und erstelle virtuelle Strukturen. Dabei komme ich meinem „Forschungsgegenstand“ auch nicht nahe, im Gegenteil. Ich entfremde mich von der Welt und komme nur mit dem Grafiktablett in Kontakt. Es war also höchste Zeit, meine Sinne wieder zu kalibrieren, und zu staunen. Eine digitale Welt macht nicht satt, die zeitaufwändige handwerkliche Umsetzung der Werke gelingt nur, wenn ich vorher voll von Erfahrung und kindlichem Staunen bin.

Was mich dann schlussendlich fasziniert hat, waren entgegen meiner Erwartung weniger die technischen Möglichkeiten der Informationsgewinnung, die ich im Alomar Observatorium besichtigen konnte, oder die Darstellbarkeit der Forschungsergebnisse, sondern der Zwischenraum und die Gemeinsamkeiten zwischen Künstlern und Wissenschaftlern.
Während meines Besuches nahm sich Dr. Gause sehr viel Zeit, um mir die Einrichtungen sowohl der Raketenstation auf dem Küstenstreifen, als auch des Observatoriums in den Bergen zu zeigen, meine Fragen zu beantworten und mit mir zusammen über physikalische Phänomene und ihre künstlerische Umsetzung zu spekulieren.

So sehr beeindruckend die Einrichtungen für Lidar, Radar und Forschungsraketen sind, die die Rätsel unserer Atmosphäre vermessen sollen und die Hingabe der Forscher dort oben – das Staunen angesichts des Nordlichts über dem Observatorium wird mich länger anfeuern als alle Daten, Notizen und Fotos, die ich bis dahin gesammelt hatte.

Seitdem sind mehrere Arbeiten entstanden, die direkten Bezug auf Erlebnisse, Anblicke und Gedanken dieser Recherchereise nehmen. Ich hatte bereits Gelegenheit, sie kurz nach meiner Rückkehr im HilbertRaum Projektraum in Berlin sowie in der Galerie m in Bochum zu zeigen; verschiedene Zwischenstände konnte ich während der Studio Stage im Kunstmuseum Bochum präsentieren. Meine Faszination für die Art und Weise, wie wir Erkenntnisse über unsere Umwelt teils erst in Polygone, Pixel und Voxel umsetzen müssen, um sie erfahrbar zu machen, und die Möglichkeiten, Hindernisse, Wände, Weitläufigkeiten und Distanzen zu ignorieren und zu durchbrechen, findet in „Current“ und der Serie „Lot“ ihren Ausdruck.

Der regelmässige Abgleich zwischen Virtuellem und Realem, Gefühl und Messbarkeit ist wesentlich, um die Spannung in meiner Arbeit zu halten. Wenn bisher Kriterien wie Emotion, Ehrfurcht oder körperliche Erfahrung in meiner konzeptuellen Arbeit eher untergeordnet oder unerwünscht waren, räume ich ihnen nun durch die Beschäftigung mit den Unterschieden zwischen Mensch und Technik einen großen Stellenwert ein. Je größer der Anteil der cyborghaften Nutzung externer Geräte in Kunst und Leben, desto wichtiger ist die Erfahrung der eigenen individuellen Substanz. Was auch immer eine KI in naher Zukunft können wird – es ist die Aufgabe der Kunst, die menschliche Erfahrung zu kanalisieren.

Es war schon fast schwer, mir das unreflektierte, nicht bewertende Staunen unter dem Polarlicht zu erlauben. Doch im Endeffekt ist genau das meine Arbeit, und muss nicht gerechtfertigt werden.

Ich danke den InitiatorInnen, MacherInnen und SponsorInnen der Ruhr Residence 2017 für diese einmalige, produktive und inspirierende Erfahrung und hoffe, dass das Programm auch in den nächsten Jahren fortgeführt werden wird.

 

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